Einblicke in die Welt eines Schlafforschers
Dr. phil. Daniel Brunner ist promovierter Neurobiologe und Experte für Schlafmedizin mit über 30 Jahren Erfahrung. Nach Forschungs- und Ausbildungsstationen in Zürich, Basel und Pittsburgh leitete er 23 Jahre lang das Zentrum für Schlafmedizin an der Klinik Hirslanden Zürich. Heute betreibt er eine eigene Praxis für Schlafberatung in Zollikerberg. Neben seiner klinischen Tätigkeit engagiert er sich für die Aufklärung und Weiterbildung rund um Schlaf und Schlafgesundheit für die Allgemeinbevölkerung als auch für Fachpersonen. Künftig teilt er sein Wissen zum Thema Schlaf mit der Angela Bruderer. Sanja Zehnder aus der Marketingabteilung traf ihn zum Interview. Im ersten Teil des Interviews erfahren Sie mehr über den Werdegang von Dr. phil. Daniel Brunner und seine Motivation, sein Wissen mit den Kundinnen und Kunden von Angela Bruderer zu teilen.
Guten Tag Herr Dr. Brunner. Vielen Dank, dass Sie mich zum Interview treffen.
Es freut mich hier zu sein.
Sie sind Experte für das Thema Schlaf. Was macht eigentlich genau ein Schlafforscher?
In der Schlafforschung werden die verschiedenen Funktionen und Vorgänge des Schlafs erforscht. Schlaf ist wichtig für die Zellregeneration, die Gedächtnisleistung, die Hirnentgiftung und für die Steuerung von Stoffwechsel und Immunfunktion. Die genauen Mechanismen im Gehirn und Körper, die zur Erholung im Schlaf führen, sind jedoch noch nicht im Detail bekannt. Der Schlaf bleibt eines der grossen Rätsel der Wissenschaft und wird auf verschiedenen Ebenen erforscht. Ich würde mich aber nicht mehr als Schlafforscher bezeichnen, sondern als Somnologen. Das klinische Fachgebiet der Somnologie beschäftigt sich mit Schlafmedizin und Schlafforschung.
Der Schlaf bleibt eines der grossen Rätsel der Wissenschaft.
Wie sind Sie selbst zur Schlafforschung gekommen? Was hat Ihre Begeisterung für das Thema geweckt?
Nach meinem Biologiestudium promovierte ich an der Uni Zürich in einer international renommierten Forschungsgruppe zur Regulation des Schlafs. Anschliessend arbeitete ich zweieinhalb Jahre an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel in der Abteilung für Chronobiologie, wo ich vertiefte Kenntnisse zum zirkadianen Tagesrhythmus und zum Einfluss des Licht-Dunkel-Zyklus erwerben konnte. Danach absolvierte ich in den USA ein weiteres Postdoc-Studium von 2½ Jahren, bei dem weniger die Schlafforschung, als die klinische Ausbildung in Schlafmedizin im Zentrum stand. Dadurch erlangte ich die Zulassung zu den Prüfungen des American Board of Sleep Medicine. Das Zertifikat für diese - einem Facharzt entsprechende - Ausbildung habe ich im Jahre 1999 erworben. Bei meiner Rückkehr aus den USA im Jahre 1996 standen schlafmedizinische Institute in der Schweiz ganz am Anfang, weshalb mein Fachwissen aus Schlafforschung, Schlafmedizin und Chronobiologie von grossem Nutzen war.
Sie kamen in die neu eröffnete Klinik für Schlafmedizin nach Zurzach.
Genau, in Bad Zurzach wurde die Klinik für Schlafmedizin eröffnet. Der damalige Leiter und Gründer dieser Spezialklinik stellte mich in der Diagnostik und Betreuung von Schlafpatienten ein, denn meine schlaffokussierte Ausbildung und meine klinische Erfahrung aus den USA waren dort willkommen. Weil es noch kaum Fachleute für Schlafmedizin gab, lag die fachliche Leitung der Klinik damals überwiegend bei Psychiatern, Psychologen und Internisten, deren klinischer Schwerpunkt nicht in der Schlafmedizin selbst lag. Mit meinen Erfahrungen aus den USA fiel mir auf, dass in der Schweiz sich mehrere medinische Disziplinen mit einzelnen Teilen der Schlafmedizin befassen. Deshalb dauert es oft sehr lange, bis ein Patient mit Schlafbeschwerden die richtige Diagnose und Therapie erhält. Je nach Symptomen der Schlafpatienten nehmen sich Fachrichtungen wie Psychiatrie, Pneumologie, Neurologie, Gynäkologie etc. der Abklärung und Betreuung an. Weil man dort jeweils nur mit spezifischen Schlafstörungen vertraut ist, wird oft nicht sogleich die richtige Abklärung und zielführende Therapie gefunden. Anstatt mehrere Disziplinen mit Teilwissen, ist eine Anlaufstelle effizienter, die fundierte Kenntnisse und Behandlungserfahrung in allen Schlaf-Wach-Störungen besitzt. Dadurch kann man sich auf die nötigen Abklärungen beschränken und schnell wirksame Therapien einleiten.
Das Ziel meiner Arbeit ist es zudem, Schlafwissen in der Ärzteschaft und im Gesundheitswesen zu verbreiten, um eine gute und effiziente schlafmedizinsche Versorgung zu fördern. Dieses Anliegen erwies sich aber als schwieriger zu erreichen als erwartet. Das Interesse der Ärzteschaft an der breiten Palette der Schlafstörungen ist eher gering, denn ein Facharzttitel für Schlaf existiert nicht. Bei Lungenärzten beispielsweise beschränkt sich das Interesse auf schlafbezogene Atemstörungen, andere Aspekte eines gestörten Schlafs bleiben unbeachtet und werden anderen Stellen überlassen.
Sie haben danach viele Jahre das Zentrum für Schlafmedizin Hirslanden geleitet. War da das Interesse am Schlaf von medizinischer Seite vorhanden?
Ich habe das Zentrum für Schlafmedizin in der Klinik Hirslanden mitgegründet und in den ersten 23 Jahren geleitet. Dieses war das einzige Schlafzentrum, das unter der Führung eines Somnologen, also eines Spezialisten mit dem Fokus Schlaf, stand. Seit dem Aufkommen der Schlafmedizin vor 30 Jahren bin ich an den Entwicklungen in der Schweiz beteiligt. Im ärztlichen Umfeld ist nach meiner Erfahrung zwar ein Interesse an technischen Schlafuntersuchungen vorhanden, um Atem- und Bewegungsstörungen im Schlaf oder andere organische Erkrankungen aufzudecken. Eine Nachfrage nach mehr Ausbildung zum Schlaf und zur Vielfalt der Schlafstörungen ist aber bisher kaum vorhanden. Im 6-jährigen Grundstudium der Medizin werden dem Schlaf nur 2-6 Unterrichtsstunden gewidmet.
Wieso interessiert sich Ihrer Meinung nach die Ärzteschaft wenig für das breite Spektrum der Schlafstörungen und die Schlafforschung?
Es liegt wahrscheinlich an der Philosophie der Heilkunst, wo es um die Heilung von Krankheiten geht. Schlafen ist aber ein normales tägliches Verhalten und keine Krankheit, die der ärztlichen Betreuung vorbehalten ist. Das Gleiche gilt auch für die Ernährung und Bewegung. Treten in diesen Bereichen Störungen auf, sind für die Therapie nicht Mediziner, sondern spezifisch ausgebildete Fachleute zuständig, wie z. B. Ernährungsberater oder Physiotherapeutinnen. Obwohl hierzulande seit bald 30 Jahren Schlafmedizin betrieben wird und es über 30 akkreditierte Zentren für Schlafmedizin gibt, wird im Medizinstudium praktisch kein Unterricht über Schlaf und Schlafstörungen angeboten. Dieser wichtige Gesundheitspfeiler hat also in der ärztlichen Ausbildung keine wirkliche Aufwertung erfahren. Wissen über den Schlaf ist nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch in Medizinberufen spärlich vorhanden. Schlafberatung und Prävention zur Erhaltung der Schlafgesundheit zählen nicht zu den Kernaufgaben der Medizin. Entsprechend existiert in keinem medizinischen Tarifsystem eine Position für Schlafberatung.
Im 6-jährigen Grundstudium der Medizin werden dem Schlaf nur 2-6 Unterrichtsstunden gewidmet.
Was muss sich verändern?
Unterricht über Schlaf sowie Aufklärung über die Wichtigkeit eines gesunden Schlafs muss viel früher und breiter geschehen. Wenn ein Kind in den Kindergarten kommt, dann gibt es eine Anleitung, wie die gesunde Znüniboxi aussehen soll. Wieso gibt es für Schüler keine Informationen über den gesunden Schlaf? Für die richtige Ernährung gibt es Kochkurse und Ernährungsberatung, für den Bewegungsapparat Physiotherapie und Fitnessberatung. All dies ist gut etabliert und den allermeisten leicht zugänglich. Für einen gesunden Schlaf sind Unterricht, Informationen und Beratungsangebote entweder nicht vorhanden oder werden vereinzelt angeboten oder in Betracht gezogen. Warum Schlaf als wichtige Säule der Gesundheit im Unterricht und der Gesellschaft so vernachlässigt wird, ist mir ein Rätsel.
Das Interesse der Bevölkerung am Thema gesunder Schlaf ist vorhanden. Das habe ich auch bei der Recherche zum Thema festgestellt. Die Leute interessieren sich für das Thema und suchen nach Hilfen und Tipps.
Hilfsangebote und nützlichen Informationen für den Schlaf können vielleicht schneller in Zusammenarbeit mit der Industrie und Wirtschaft aufgebaut werden. Jede Firma möchte gesunde Mitarbeitende haben, die ausgeschlafen und konzentriert arbeiten können. Betriebe sind also sehr interessiert daran, die Schlafgesundheit zu unterstützen und in die betriebliche Gesundheit zu investieren. Jene Firmen und Industriezweige, welche Schlafwaren und Produkte rund um den Schlaf verkaufen, sind auch am Schlafwohl von ihrer Kundschaft sehr interessiert. Es ist doch so, dass uns die Bedeutung von Schlaf und Fragen zum eigenen Schlaf gerade dann bewusstwerden, wenn wir Dinge kaufen, die zum Schlafen oder im Schlafzimmer benötigt werden. Die Firmen von Schlafprodukten haben den Wunsch, die Bevölkerung mit ihren Produkten beim Schlafen zu unterstützen, aber auch mit Beratung und Schlafwissen auf sich aufmerksam zu machen. Vielleicht zeichnet sich gerade eine Entwicklung ab wie bei der Ernährung, die ja auch nicht von heute auf morgen in den Gesundheitsfokus der Gesellschaft geraten ist.
Wir freuen uns sehr, mit Dr. phil. Daniel Brunner einen ausgewiesenen Experten an unserer Seite zu wissen, der sein umfassendes Wissen rund um das Thema Schlaf mit uns und unseren Kundinnen und Kunden teilt. Im zweiten Teil des Interviews erfahren Sie, welche Schlafstörung am häufigsten auftritt und welche Empfehlungen Dr. Brunner für einen besseren Schlaf gibt.
Auszug der Publikationen von Dr. phil. Daniel Brunner
Papers
Brunner D.P., Dijk D.J., Tobler I., and Borbély A.A. Effect of partial sleep deprivation on sleep stages and EEG power spectra: evidence for non-REM and REM sleep homeostasis. Electroenceph. Clin Neurophysiol, 1990, 75: 492-499.
Dijk D.J., Brunner D.P., Beersma D.G.M., and Borbély A.A. EEG power density and slow wave sleep as a function of prior waking and circadian phase. Sleep, 1990, 13: 430-440.
Achermann P., Dijk D.J., Brunner D.P., and Borbély A.A. A model of human sleep homeostasis based on EEG slow-wave activity: quantitative comparison of data and simulations. Brain Res Bull, 1993, 31: 97-113.
Brunner D.P., Kräuchi K., Dijk D.J., Leonhardt G., Haug H-J, and Wirz-Justice A. The sleep EEG in seasonal affective disorder and in control women: effects of midday light treatment and sleep deprivation. Biol Psychiatry, 1996, 40: 485-496.
Waltisberg D., Amft O., Brunner D.P., and Tröster G. Detecting disordered breathing and limb movements using in-bed force sensors. IEEE J Biomed Health Inform, 2017, 21(4):930-938. doi: 10.1109/JBHI.2016.2549938.
Abstracts
Brunner D.P., Tobler I., and Borbély A.A. Effects of partial sleep deprivation on EEG-sleep parameters and fatigue. 9th congress of the ESRS, Jerusalem, 4-9 Sept. 1988.
Brunner D.P., Dijk D.J., and Borbély A.A. Repeated partial sleep deprivation results in long lasting changes of the sleep EEG. 10th congress of the ESRS, Strasbourg, 20-27 May 1990.
Achermann P., Dijk D.J., Brunner D.P., and Borbély A.A. Model of ultradian variation of slow-wave activity: quantitative comparisons. J Sleep Res., 1992, 1(suppl.1): 1.
Brunner D.P., Leonhardt G., Kräuchi K., Graw P., and Wirz-Justice A. Homeostatic regulation of nonREM sleep in SAD is preserved across depressive episodes and seasons. Sleep Res, 1993, 22: 325.
Brunner D.P., González H.L., Barandun J., Klingler K., and Scherer T. Sleep-related laryngospasm presents as infrequent episodes of abrupt awakening with intense sensation of suffocation, jumping out of bed and temporary stridor. Swiss Med Wkly, 2004, 134 (suppl.139): S10.
Brunner D.P. and González H.L. Catathrenia: a rare parasomnia with prolonged groaning during clusters of central or mixed apneas. J Sleep Res, 2004, 13 (suppl.1): 107.
Sämtliche Publikationen finden Sie auf der Webseite von Dr. phil. Daniel Brunner unter https://www.somnologie.ch/
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Dieser Beitrag wurde im November 2025 publiziert.
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